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Stadtnachrichten

Hier finden Sie Informationen aus dem städtischen Mitteilungsblatt  "Schorndorf Aktuell"

Ein Stolperstein erinnert an Marie Anna Fetzer
Erinnerungsstein in der Römmelgasse verlegt


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Dieser Stolperstein vor dem Haus in der Römmelgasse 13 erinnert nun an Marie Anna Fetzer.

Noch Tage danach ist Siegfried Waldemar Fetzer gerührt und berührt. In der vergangenen Woche verlegten die NaturFreunde Schorndorf zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein zu Ehren seiner Mutter Maria Anna Fetzer. Schülerinnen und Schüler der Rainbrunnen- und der Gottlieb-Daimler-Realschule begleiteten die Verlegung des Stolpersteins musikalisch und textlich. Es habe ihm gut getan, dass seine Mutter auf diese Weise geehrt wurde, sagte der heute 81-Jährige, der inzwischen in Osnabrück lebt. Der Stolperstein sei für ihn ein Abschluss der Geschichte seiner Mutter und die Chance, Frieden zu finden.
Mehr als 58.600 Stolpersteine

2016-07-07_Stolperstein-2 Seit nunmehr 20 Jahren arbeitet der deutsche Künstler Gunter Demnig gegen das Vergessen. Mehr als 58.600 Stolpersteine hat er in 20 Ländern Europas verlegt und erinnert damit an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus. Die Steine mit einer Gedenktafel aus Messing lässt er jeweils vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer in den Boden ein. Die NaturFreunde haben sich des Projekts in Schorndorf angenommen und schon mehrere Stolpersteine verlegt – für die Familie Guttenberger, für Heinrich Talmon-Groß, für Albert Kohler, Karl Hottmann und Elsa Heinrich, die im Rahmen der Aktion T4 von den Nazis ermordet wurden. Der zwölfte Stein erinnert an Maria Anna Fetzer, direkt vor ihrem Wohnhaus in der Römmelgasse 13. Auch sie, gerade einmal 32 Jahre alt, wurde Opfer der Aktion T4. Die Bezeichnung steht für die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in der Zeit des Nationalsozialismus.

In Grafeneck ermordet

Nach Einweisungen in die Nervenkliniken Tübingen und später Winnenden wurde Maria Anna Fetzer am 30. Mai 1940 nach Grafeneck bei Münsingen in die „Landes-Pflegeanstalt“ gebracht. Knapp vier Wochen später, am 21. Juni 1940, erhielt ihr Vater Karl David Fetzer einen Brief aus Grafeneck. Seine Tochter sei unerwartet am 20. Juni infolge ihres Gelenkrheumatismus mit anschließender Herzinnenwandentzündung verstorben. Bei ihrer schweren unheilbaren Erkrankung bedeute ihr Tod eine Erlösung für sie, hieß es. Eine Lüge, denn Marie Anna Fetzer wurde noch am Tag der Ankunft in Grafeneck ermordet. Kurz zuvor hatte sie noch einen Brief an ihren Vater geschrieben, hoffnungsvolle Zeilen, die Schülerinnen jetzt verlasen: [...] Mein Goldschatzkind will ich auch wieder sehen, das ist mein heißester Wunsch. [...] Ich will doch eine rechte Mutter zu ihm sein und dass ich wieder in seiner Nähe sein darf als ein glückliches Wesen.“ Worte, die nicht nur ihren Sohn Siegfried Waldemar Fetzer zu Tränen rührten, sondern auch einige der rund 100 Menschen, die zur Verlegung des Stolpersteins gekommen waren. Während Gunter Demnig den Stein in den Boden ließ, trugen Schülerinnen und Schüler Gedichte vor und zitierten aus der Aussage einer Pflegerin im Grafeneck-Prozess im Jahre 1949 in Tübingen: „Die ankommenden Kranken wurden von dem Schwesterpersonal in Empfang genommen, ausgezogen, gemessen, fotografiert, gewogen, und dann zur Untersuchung gebracht. Jeder ankommende Transport wurde ohne Rücksicht auf die Tageszeit sofort untersucht und die zur Euthanasie bestimmten Personen wurden sofort vergast.“ In Grafeneck starben zwischen Januar und Dezember 1940 etwa 10.000 Menschen durch Kohlenmonoxidgas. Grafeneck war der erste Ort im nationalsozialistischen Deutschland, an dem Menschen systematisch ermordet wurden.

Den Anfängen wehren

2016-07-07_Stolperstein-3 „Wir setzen heute ein Mahnmal gegen Rassismus und Intoleranz und für die Unantastbarkeit der Menschenwürde“, sagte Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Es sei wichtig, zu gedenken, zu trauern und die Namen der Einzelnen zu bewahren. Dies machte auch Klaus Reuster, Vorsitzender der NaturFreunde, deutlich: „Mit den Stolpersteinen wollen wir den Opfern Namen geben. Wir wollen warnen, was passieren kann, wenn menschenverachtende, intolerante Menschen die Oberhand gewinnen.“ Nie sei dies aktueller gewesen als heute, in einer Zeit, in der Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit geschürt würden und Worte wie ,Verfremdung’, ,Ausländer und Flüchtlinge raus oder erst gar nicht rein nach Deutschland’ wieder zu hören seien. „Mit stumpfen Parolen werden Ängste geschürt, Dunkelhäutige angepöbelt, niedergeschlagen, totgetrampelt, Wohnheime für Geflüchtete werden angezündet. Der Mob klatscht Beifall und behindert Feuerwehrleute. Diese menschenverachtenden Fratzen verstecken sich in Pegida oder in der AfD. Deshalb müssen wir wachsam sein und den Anfängen wehren. Das sind wir Marie Anna Fetzer schuldig.“

Schlusssteine

Auch für Künstler Gunter Demnig sind die Stolpersteine eine Herzensangelegenheit. Dass diese für viele Hinterbliebene, wie auch für Siegfried Waldemar Fetzer, „Schlusssteine“ sind, zeige, wie wichtig das Projekt sei. Den Anwesenden gab er noch zwei bemerkenswerte Hinweise mit auf den Weg: „Messing, das Material, aus dem die Gedenktafeln sind, wird bei jedem Darüberlaufen blank poliert – und damit die Erinnerung an den Menschen.“ Außerdem müssten sich Passanten, die den Namen auf dem Stein lesen wollen, nach unten beugen, also verbeugen, um diesen lesen zu können. Das sei eine schöne Art, den Opfern eine besondere Ehre zukommen zu lassen.

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