Blick über Schorndorf

Stadtnachricht

Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt: als Mahnung und Erinnerung


Am Tag der Deutschen Einheit verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig, unterstützt von den Naturfreunden in Schorndorf, drei neue Stolpersteine. Eine knappe Woche, nachdem für den Naturfreund Klaus Reuster die Bundestagswahl wenigstens ein Ergebnis hervor brachte, über die er sich als Linker freuen kann: "Es war unser Naturfreund Matthias Platzeck in einem seiner ersten Sätze zur Wahl: Es ist uns gelungen, die rechtsradikale DVU aus dem Parlament zu werfen."

Drei neue Stolpersteine erinnern seit Samstag an drei Menschen, die in Schorndorf gelebt haben, aus Schorndorf verschleppt wurden und in den Lagern der Nationalsozialisten umgebracht: Heinrich Talmon-Groß, ermordert am 20. Februar 1945 in Dachau. Ihn ehrt der Stolperstein in der Neuen Straße 23. In der Römmelgasse 8 erinnern Stolpersteine an Karl Eckstein, mit 12 Jahren am 11. August 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet und das 12jährige Kind Elisabeth Guttenberger, getötet am 26. Juli 1943 in Auschwitz. Sie starben weil sie, wie Talmon-Groß in de SPD waren oder wie die Kinder, Angehörige der für lebensunwert erachteteten Sinti und Roma.

Heinrich Talomon-Groß kommt mit seiner Familie 1901 nach Schorndorf. Von Beruf ist er Zigarrenmacher. Er ist Gewerkschaftsvorsitzender und von 1925 bis 1929 Mitglied im Schorndorfer Gemeinderat. Nach dem Reichstagsbrand wird er ins KZ Heuberg gebracht und im Dezember aus der "Schutzhaft" entlassen. Am 5. September 1936 wird Talmon-Groß in einer Miedelsbacher Gaststätte verhaftet. Er soll Göring als den wirklichen Brandstifter bezeichnet haben. Talmon-Groß stirbt im KZ Dachau am 20. Februar 1945.

Die beiden Kinder der Familie Guttenberg: Elisabeth Guttenberg und der neunjährige Pflegesohn Karl Eckstein wurden im Alter von 12 Jahren von den Nazis verschleppt. Beide wurden in Auschwitz ermordert. Elisabeth am 26. Juli 1943, Karl am 11. August 1943.

Gunter Demnig, der Mann der seit 1996 Stolpersteine, die ersten illegal in Köln und Berlin, verlegt, hat mittlerweile mit rund 20 400 Steinen eine, wie er es nennt "soziale Skulpur" geschaffen. Vor Ort wird er meistens unterstützt von Menschen: Von Schulklassen und Stadtverwaltungen, von Politikern und Angehörigen und in Schorndorf ganz besonders von den Naturfreunden.

Deren Vorsitzender, Klaus Reuster, will mit der Aktion "auf die Gefahren der Neonazis und der rechtsextremen Parteien und Organisationen hinweisen und deren Verbot einfordern". Stolpersteine, die auch in Schorndorf an Menschen erinnern, die mitten unter uns gelebt haben und aus unserer Mitte herausgerissen wurden. Weil niemand da war, der laut gemahnt hätte, "nicht eingegriffen, nicht eingeschritten wurde".

Auch in Schorndorf, im Rems-Murr-Kreis sind die Rechten aktiv. Auch hier ist, so Reuster "der Schoß noch fruchtbar" aus dem das braune Elend einst kroch. Mahnung und Erinnerung tut also not. Auch im 60. Jahr nach der Gründung der Bundesrepublik. Auch in Schorndorf wie im gesamten Rems-Murr-Kreis hat man es "mit Fremdenhass und Intoleranz, mit Attacken gegen die Menschenwürde" zu tun.

Die Naturfreunde wollen diesem ein Zeichen entgegensetzen. "Wir wollen deutlich machen, welch hässliche Fratze hinter diesen Gesichtern der neuen und alten Nazis ist!", sagt Reuster. Die Steine, in den Boden eingelassen, sollen "unser Gehen unterbrechen, uns kurz innehalten lassen."

Mahnmale nicht irgendwo, sondern direkt vor unserer Haustür, auf den Wegen, die wir alltäglich gehen. "Das Grauen begann in unserer unmittelbaren Nachbarschaft", erinnerte auch OB Mathias Klopfer an die Zeit der Barbarei in Deutschland. Die Stolpersteine holen die Opfer wieder in unseren Alltag zurück, erinnern daran, dass sie nicht irgendwo lebten, sondern mitten unter uns. Die knappen Angaben auf den Steinen: verschleppt, ermordet, regen zum Nachdenken und zum Weiterfragen an, so der OB.

Jüngst wurde der Künstler Gunter Demnig von der Gemeinde Düsseldorf mit der Josef Neuberger Medaille ausgezeichnet. Mit dem Preis ehrt die Gemeinde Menschen, die sich für die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden einsetzt. Die Stolpersteine, so die Jury, geben den Opfern ihre Namen wieder und damit ein Stück ihrer Würde und Individualität. Den Preis erhielten vor ihm schon Menschen wie Johannes Rau, Rman Herzog und im letzten Jahr Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die "Spur der Steine" zieht sich mittlerweile durch ganz Europa. Für Gunter Demnig ist jeder einzelne Stein ein Denkmal. Nimmt man alle Steine zusammen ist im Laufe der Jahre das größte dezenetrale Denkmal geschaffen worden. Wichtig für Gunter Demnig ist auch, dass er nie alleine ist mit seiner Arbeit. Schulklassen engagieren sich, Menschen helfen und besonders wichtig sei für ihn auch die Arbeit mit Zeitzeugen. Auch bei der Schorndorfer Stolperstein-Aktion waren Angehörige von Henrich Talmon-Groß anwesend.

Dass die Stolperstein-Aktion schnell an ihr Ende kommen wird, ist nicht zu erwarten: Zuviele Opfer, viele vergessen, suchen noch ihren Platz im Gedächtnis der Heutigen.
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