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Blick über Schorndorf

Recycelbare und sprechende Häuser

Prof. Dr. Werner Sobek referierte beim Unternehmerforum über den Zusammenhang von Klimaschutz und Bauwesen

Von unserem Redaktionsmitglied Hans Pöschko

Schorndorf.
„Wir haben kein Energieproblem, sondern ein Emissionsproblem“, sagte Prof. Dr. Werner Sobek, der beim Schorndorfer Unternehmerforum über den Zusammenhang von Klimaschutz und nachhaltigem Bauen sprach und dabei deutlich machte, dass beim Bauen und Wohnen nicht hauptsächlich die Emissionen das Problem sind, die bei der Nutzung eines Gebäudes entstehen, sondern die, die durch die Art des Bauens und die dabei verwendeten Materialien in die Umwelt gelangen.

Die Universität Stuttgart sei, was die Zukunft des Bauens angeht, „viel weiter als der Rest der Welt“, sagte im Vorgespräch mit Pressevertretern der Hochschullehrer, Architekt und Ingenieur Prof. Dr. Sobek, der mit Schorndorf schon einmal zu tun hatte, als es um ein letztendlich nicht zustande gekommenes Geschäftshaus-Projekt am Unteren Marktplatz ging, und der jetzt das geplante IBA-Projekt auf dem Bauhof-Areal mit seinen Erfahrungen auf dem Gebiet des nachhaltigen und in die Zukunft weisenden Bauens begleiten soll. Auch beim Landratsamts-Neubau in Waiblingen ist Sobek, der eigenem Bekunden zufolge 70  Prozent seiner Projekte im Ausland realisiert, als Berater tätig. Solche Projekte wie die in Waiblingen oder Schorndorf hätten aber die gleiche Bedeutung und die gleichen  Themenstellungen wie Projekte in Hamburg oder Moskau, weil die Emissionsströme nicht mehr lokalisierbar seien, sagte Sobek, der beim Unternehmerforum beklagte, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu wenig über die Zukunft nachgedacht und gesprochen worden sei und dass es deshalb auch an einer präzisen Benennung der Fakten, was die Probleme und Herausforderungen der Zukunft angehe, mangele. Was es bestimmten Gruppen und Protagonisten wiederum erleichtere, die aktuellen Diskussionen populistisch auszuschlachten. Die Verharmlosung oder gar Leugnung des C02-Problems erklärt sich der Professor so: „Was man nicht sieht, sieht man auch nicht als kritisch oder gefährlich an.“

Das heutige Bauwesen steht für 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs

Wenn er aufs Bauen und auf die konventionell beim Bauen verwendeten Materialien zu sprechen kommt, dann spricht Werner Sobek von grauer Energie und von grauen Emissionen, die im Falle von C02 eine einige Hunderte von Jahren währende Verweilzeit in der Atmosphäre hätten. Bezogen auf diese Emissionen seien die in der Nutzungsphase eines Gebäudes verursachten Schäden zweieinhalbfach geringer als die durch den Hausbau verursachten Schäden, sagte Sobek und machte deutlich, dass allein durch das Brennen von Zement insgesamt sieben Prozent der weltweiten C02-Emissionen entstünden. 50 bis 55 Prozent der Energie seien bei jedem Häuschen schon verbraucht, bevor es überhaupt  genutzt werde, sagte der Professor und stellte fest: „Das heutige Bauwesen steht für 60 Prozent des Ressourcenverbrauchs". Wobei diese Ressourcen zur Neige gingen, wie sich am 
Sand zeige. Theoretisch, so Sobek, gebe es auf der Welt zwar genügend Sand, „aber Sie können aus Wüstensand keinen Beton herstellen“. Und auch beim Kupfer zeichneten sich bereits Engpässe ab. Nicht nur der Ressourcenverbrauch ist aus Sicht von Prof. Sobek das Problem, sondern auch die Tatsache, dass das Bauwesen für 60 Prozent des Müllaufkommens verantwortlich ist. „Jetzt sagen wir alle, dass wir als Nutzer Energie sparen sollen, und dabei ist die größte Sünde schon lange passiert“, lautete das Zwischenfazit des Referenten, der seine These, dass es kein Energieversorgungsproblem gebe, mit dem Hinweis auf die Sonne untermauerte, die 10 000-mal mehr auf die Erde einstrahle, als die Menschen das für ihre Energieversorgung bräuchten. „Wir müssen die fossilen Energieträger bis 2050 auf null heruntergefahren haben, sonst gibt es kein Halten mehr“, meinte Werner Sobek, nach dessen Einschätzung es keine Energieeinsparungsverordnung mehr bräuchte, es aber auch keine Steuern auf selbst erzeugte Energie geben dürfte, wenn endlich umweltgerecht gebaut und Energie erzeugt würde. „Aber das greift niemand an außer uns“, sagte der Hochschulprofessor mit Blick auf sein Institut und erzählte von dem Modellhaus, das mit dem Elektroauto spricht, und von Häusern, die mit ihren Nachbargebäuden sprechen, um den Energieaustausch zu organisieren.

Bauteile verwenden, die schon einmal irgendwo verbaut waren

„Die Art zu bauen muss grundlegend verändert werden“, sagte Sobek, nach dessen Erfahrungen es möglich ist, bei 160 000 Tonnen schweren Hochhäusern mindestens 60 000 Tonnen einzusparen. „Da können Sie gleich noch ein zweites daneben bauen“, meinte der Professor unter Verweis zum Beispiel auf Betondecken, die durch das Einbringen von Hohlkörpern mit 50 Prozent weniger Gewicht auskämen, ohne deshalb etwas von ihrer Tragfähigkeit zu verlieren. Vorrangiges Anliegen des Professors aber ist, dass  recyclinggerecht und mit sogenannten Recyclaten, also Bauteilen, die schon einmal irgendwo verbaut waren, gebaut wird. Das könne bis zur Wiederverwendung von Türklinken gehen, meinte Sobek und berichtete von einem von ihm gebauten Haus in der Schweiz, das zu 20 Prozent aus Holz und zu 80 Prozent aus recycelten Materialien bestehe. Ein voll recycelbares Haus wiege nur 15 Prozent eines herkömmlichen Gebäudes, sagte der renommierte Architekt und wies darauf hin, dass in solchen Fällen auch die Bauweise eine viel einfachere und schnellere sein könnte, weil mit vorgefertigten Modulen gearbeitet  werden könne, bei denen der Abstand zwischen Aufstellen und Nutzen im Idealfall nur eine Stunde betrage. Wenn es nach Prof. Sobek ginge, dann würde beim Bau von neuen Häusern eine Mindest-Recyclingquote und die Verwendung von Recyclaten bindend vorgeschrieben. Denn alles, was, wie’s bislang die Regel sei, perfekt zusammengeklebt werde, sei nachher nichts anderes als Sondermüll. Ebenfalls ein Anliegen von Werner Sobek ist, dass Immobilien und Mobilität in Zukunft miteinander verquickt werden. Wobei er einräumte, dass auch bei der Mobilität noch niemand so genau wisse, wohin die Reise tatsächlich geht. „Die Regierung versündigt sich an unseren Kindern“, sagte Sobek mit Blick auf die aktuelle Debatte zum Klimaschutz. Dies gelte umso mehr, als ihm seine langjährige Erfahrung sage, dass Prognosen meistens günstiger ausfielen, als das, was dann tatsächlich eintreffe. „Und das wird bei der Erderwärmung auch so sein“, ist der Professor überzeugt und findet es auch unter diesem Aspekt begrüßenswert, dass sich auch Städte wie Schorndorf auf den Weg
machen, um ein Stück Zukunft zu planen. Sei es in Form eines Projekts für die Internationale Bauausstellung im Jahr 2027 oder sei es, wie Oberbürgermeister Matthias Klopfer feststellte, in Form des bereits gelaufenen Reallabor-Projekts, bei dem in Schorndorf die mögliche Zukunft des Öffentlichen Personennahverkehrs mit dem Bus auf Bestellung getestet worden ist. Wer über Bauen in der Zukunft rede, müsse auch das soziale Gefüge im Blick haben, brachte der Referent im vorgezogenen Pressegespräch noch einen weiteren Aspekt ins Spiel – mit Blick darauf, dass die Gesellschaft immer älter werde und dass auch auf diese Herausforderung neue Antworten gefunden werden müssten. „Wir können nicht immer noch mehr Seniorenresidenzen auslagern“, meinte Sobek in seinem Plädoyer für ein generationenübergreifendes Bauen und Wohnen.

Joussen fragt, Sobek und Klopfer antworten

  • Am Beispiel der mit etwa 120 000 Autos pro Tag belasteten A 8 bei Leinfelden hat Prof. Sobek deutlich gemacht, welches ökologische Gegengewicht es bräuchte, um die vom Verkehr erzeugten Emissionen zu tilgen und die Autobahn C02-frei zu machen. Pro Kilometer müssten 200 000 Bäume mit einem Kronendurchmesser von acht bis zehn Metern stehen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Utopisch bei 14 000 Kilometern Autobahn in Deutschland, wenngleich es China laut Sobek allein im vergangenen Jahr geschafft hat, 700 Millionen Bäume zu pflanzen.
  • Und warum, so die Frage von Moderator Thomas Joussen, an den Referenten, sollte bei diesen Dimensionen ausgerechnet Schorndorf mit einem vergleichsweise kleinen IBA-Projekt mit dem Nukleus Bauhof-Areal und mit anderen lokal begrenzten Maßnahmen „Gas geben“? „Das ist eine moralische Verantwortung gegenüber den Kindern und den Jugendlichen“, sagte Werner Sobek, der damit beginnen würde, eine Serie von Formaten
    und Maßnahmen zu entwickeln, die den Menschen helfe, zu verstehen, um was es  überhaupt gehe. „Wir bräuchten so etwas wie früher den 7. Sinn, auch wenn der ein bisschen frauenfeindlich war“, sagte der Professor an die Adresse der Älteren, die sich an diese Fernsehinformationsreihe zur Verkehrssicherheit noch erinnern können.
  • Auf Joussens Frage nach dem zukünftigen Stellenwert von Parkplätzen und Autos hatte Oberbürgermeister Matthias Klopfer schon in seiner Begrüßung deutlich gemacht, dass er die Diskussion um Stellplätze (zum Beispiel auf dem Unteren Marktplatz) für eine Stellvertreterdebatte hält, die aus seiner Sicht nicht mehr zeitgemäß ist. „Der ruhende Verkehr hat bei uns mehr Platz als manche Kinder“, sagte Klopfer, der in der Innenstadt verstärkt auf Aufenthaltsqualität setzt und als Wunschziel für Schorndorf formulierte, „die menschenfreundlichste Stadt in der Region zu werden“. Dass es aber immer wieder Diskussionen um Tempo 30 oder Tempo 50 gebe und dass bisher alle Versuche, auf der B 29 Tempo 100 durchzusetzen, gescheitert seien, zeige auch „die tiefe emotionale Bindung ans Automobil“, sagte Klopfer. Die wiederum zusammen mit der Tatsache, dass der „angehäufte Wohlstand“ des Landes auf dem Verbrennungsmotor basiert, für Sobek ein Argument dafür ist, dass man die Menschen auch verstehen müsse, wenn sie sich mit Veränderungen schwertäten. Die es ungeachtet dessen aber zwingend brauche: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Sich bewegen oder an die Wand fahren.“
  • Was nun die Internationale Bauausstellung 2027 in der Region Stuttgart angeht, so ist der Oberbürgermeister der Meinung, dass die Großen Kreisstädte unbedingt dabei sein sollten. Das sieht auch Prof. Dr. Werner Sobek so: „Die Anzahl der zu lösenden Probleme ist so groß, dass es viele Teilnehmer und Experimentierfelder braucht.“ Dabei wäre es hilfreich, wenn die Landesbauordnung durch Experimentierklauseln geöffnet würde, meinte Klopfer, der nicht davon ausgeht, dass das IBA-Projekt Bauhof-Areal bis 2027 komplett oder auch nur teilweise realisiert ist. „Es wäre schon viel erreicht, wenn wir Lösungen entwickelt hätten, die auch für andere Vorbildcharakter haben könnten“, ist sich Klopfer mit Sobek, der das Projekt zunächst einmal als Berater begleitet, einig. Ein Beispiel, wie’s laufen könnte, ist für den Oberbürgermeister die Remstal-Gartenschau, bei der sich 2010 auch noch niemand habe vorstellen können, wie’s 2019 aussieht und wie erfolgreich so ein Projekt sein könne. Und wenn Schorndorf mit dem beantragten IBA-Projekt nicht zum Zug kommt? „Dann haben wir eine kurze Motivationsdelle und dann  arbeiten wir weiter“, sagte Klopfer.
  • Kurze Schlussfrage von Thomas Joussen an Werner Sobek: „Was macht Ihnen Hoffnung für die Zukunft?“ Noch kürzere Antwort des Professors: „Meine Studenten“.

Werner Sobek

  • Werner Sobek (* 16. Mai 1953 in Aalen) ist ein deutscher Bauingenieur und Architekt. Er ist ordentlicher Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des Instituts für  Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK). Sobek ist Inhaber der Firmengruppe  Werner Sobek. Er ist einer der Initiatoren der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.
  • Im Jahr 1992 gründete er das Büro Werner Sobek, das mittlerweile neben seinem  Hauptstandort in Stuttgart auch in Berlin, Buenos Aires, Dubai, Frankfurt am Main, Hamburg, Istanbul, Moskau und New York vertreten ist.
  • Werner Sobek plant pro Jahr ein Wohnhaus. Diese Projekte dienen dem Büro als Experiment und Anschauungsobjekt für neue Technologien, die dann oft auch bei den größeren Projekten des Büros Verwendung finden. Eines dieser Gebäude ist R 128, das private Wohnhaus der Familie Sobek in Stuttgart. Das würfelförmige, viergeschossige, auf allen Seiten vollständig verglaste Gebäude ist nahezu komplett recycelbar und emissionsfrei. R 128 ist modular aufgebaut. Der für Heizung und Regelungstechnik  benötigte elektrische Strom wird fotovoltaisch erzeugt.
Quelle: Wikipedia
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