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Blick über Schorndorf

Stadtnachricht

„Wir müssen weiter an die Gräueltaten erinnern“


Oberbürgermeister Matthias Klopfer gedenkt den Opfern

Zwei weitere Stolpersteine erinnern in Schorndorf an Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Am Samstag, 11. September, verlegte Oberbürgermeister Matthias Klopfer gemeinsam mit den Naturfreunden Schorndorf die Stolpersteine 13 und 14 für Paul Diebel und Albert Krauter. Musikalische Begleitung gab es dabei vom Künstler Gez Zirkelbach.
Seit Jahren recherchieren die Naturfreunde gemeinsam mit dem Team des Stadtmuseums und des Stadtarchivs zu Schorndorfer Bürgerinnen und Bürgern, die den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Aufwendig und zum Teil auch zermürbend ist die Arbeit, besonders, wenn Akten, Gespräche oder Aufrufe manchmal ins Leere laufen. Umso mehr weiß OB Klopfer das Engagement zu schätzen und bedankte sich für den unermüdlichen Einsatz im Bereich Erinnerungskultur. „Ich halte es für unverzichtbar, an die Gräueltaten der Nazizeit zu erinnern und hoffe, dass noch viele weitere Stolpersteine in Schorndorf dazukommen.“
Der stellvertretende Vorsitzende der Naturfreunde Schorndorf, Marcel Kühnert, betonte, wie wichtig es ist, in einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt, tagtäglich mit der Geschichte und Nazideutschland konfrontiert zu werden. „Diese niederschwellige Form von Geschichtskunde schafft Zufallsbegegnungen im Alltag und sorgt dafür, dass die Opfer niemals vergessen werden.“
Bei der aktuellen Recherche unterstützt, wurden die Stadt und die Naturfreunde von Eberhard Abele, dem ehemaligen Vorsitzenden des Kulturforums und pensionierten Geschichtslehrer. Er nahm sich der Person Paul Diebel an und fand Folgendes heraus:

Zur Person Paul Diebel

Paul Diebel war Fabrikarbeiter und wohnte zuletzt in der Schillerstraße 74. Der 28-jährige starb am 14. März 1940 im KZ Buchenwald. Die letzten Monate seines Lebens waren besonders furchtbar. Knapp ein halbes Jahr vor seinem Tod wurde er vom KZ Dachau an das KZ Buchenwald überstellt und dort als „politischer Häftling“ geführt.
Im November bricht in dem seit Kriegsbeginn völlig überfüllten Lager die Ruhr aus, eine ansteckende Durchfallerkrankung. Die SS ermordet ab Januar 1940 mittels Injektionen entkräftete Häftlinge. Um der Seuche Herr zu werden, werden neue Ruhr-Impfstoffe an Häftlingen getestet. Direkt neben dem Appellplatz wird das Krematorium gebaut. „Herzschwäche durch Ruhr“, so steht es im Bericht des 1. Schutzhaftlagerführers an den Kommandanten des KZ über Paul Diebel. Ein elender Tod.
Doch was wurde dem Schorndorfer eiegntlich vorgeworfen? Ein Blick in sein Strafregister zeigt Folgendes:

  • 12. Oktober 1933: Paul Diebel krakeelt unter Alkoholeinfluss nachts auf dem Schorndorfer Marktplatz und legt sich mit der Polizei an. Es folgt ein Strafbefehl wegen Ruhestörung, groben Unfugs und Beamtenbeleidigung. Diebel muss eine Geldstrafe von 38 Reichsmark zahlen.
  • 2. Juni 1938: In der Nähe der Gaststätte Deutsches Haus zerstört er eine Glasscheibe eines Feuerlöschkastens, hat wohl die Absicht die Feuerwehr zu alarmieren. Passanten verhindern dies. Diebel erhält eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und muss eine Geldstrafe von 30 Reichsmark zahlen.
  • 2. Dezember 1938: Diebel krakeelt in der Innenstadt. Er ruft nach 14 Bier, die er in den Gaststätten Bären, Pfauen, Melac und Engel getrunken hat mehrmals laut „Heil Moskau“ und „hebt den rechten Arm zum Kommunistengruß“. Diebel wird festgenommen, randaliert, beleidigt Polizeibeamte, flüchtet aus der Wache, wird wieder gefasst und in Haft genommen.

Stolpersteinverlegung in Schorndorf„Mehr war es nicht“, sagt Eberhard Abele. „Daran erkennt man unter anderem, was Diktatur bedeutet. Ganz gleich, ob es die Diktatur der Nationalsozialisten war oder ob es heutige Diktaturen sind.“ Nach dem Zwischenfall in der Innenstadt bleibt Diebel in Haft und wird wenig später ins KZ verschleppt.

Zur Person Albert Krauter

Über Albert Krauter ist nur wenig bekannt. Krauter, von Beruf Gärtner und Schäfer, lebte in der Aichenbachstraße 45 und kam im KZ Flossenbürg am 18. September 1942 ums Leben. Laut Bericht starb er ebenfalls an Herzschwäche.

Projekt Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Stolpersteine werden in Deutschland wie auch in 26 weiteren europäischen Ländern verlegt. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein.

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